Besser spät als nie!
Menschenskinners, ich kann mir wirklich nicht erinnern, wann ich zuletzt so wenig gelesen habe. Ein Trauerspiel! Der Schuldige ist aber schnell gefunden: Der Freund! Hatte er doch fast den ganzen Mai frei und ich somit kaum Zeit alleine zu Hause, in der ich zum Lesen gekommen wäre.
Ganze DREI Bücher habe ich gelesen, und zwar folgende:
1. Anthony McCarten - Hand aufs Herz (Diogenes, 319 Seiten)
Vierzig Menschen sind unterwegs zum Hof eines Londoner Autohändlers und zu einem exklusiven Fahrzeug, das derjenige gewinnt, der am längsten die Hand draufhält. Ein absonderlicher Ausdauerwettbewerb, der als Gleichnis für das Leben überhaupt stehen kann. Es sind alles Menschen, denen ihre Existenz entglitten ist und die trotz allem die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht aufgegeben haben.
Der Wettbewerb fördert bei vielen ihre schlimmsten Seiten zutage, anderen verhilft er zu neuen Perspektiven. Im Laufe der Geschichte wird klar, dass jede der Figuren diesen Gewinn braucht, um einen Weg aus ihrer persönlichen Krise zu finden.
Fand ich Anthony McCarten's ersten Roman "Superhero" nur "irgendwie gut", hatte er mit seinem zweiten Werk "Englischer Harem" mein Herz total erobert. "Hand aufs Herz" ist fast genauso gut. Wieder gibt es lauter gescheiterte Persönlichkeiten, die aber trotz allem ihre Träume nicht aufgegeben haben, und eine ungewöhnliche, aber trotzdem irgendwie realistische Geschichte. Unbedingt lesenswert! Note: 2+
2. Jenny Erpenbeck - Heimsuchung (Eichborn, 190 Seiten)
Ein Haus an einem märkischen See ist das Zentrum, fünfzehn Lebensläufe, Geschichten, Schicksale von den Zwanzigerjahren bis heute ranken sich darum. Das Haus und seine Bewohner erleben die Weimarer Republik, das Dritte Reich, den Krieg und dessen Ende, die DDR, die Wende und die Zeit der Nachwende. Jedem einzelnen Schicksal gibt Jenny Erpenbeck eine eigene literarische Form, jedes entfaltet auf ganz eigene Weise seine Dramatik, seine Tragik, sein Glück. Alle zusammen bilden eine Art kollektives literarisches Gedächtnis des letzten Jahrhunderts, geformt in einer Literatur, die nicht nur großartige Sätze und Bilder zu bieten hat, sondern die auch Wunden reißt, verstört, beglückt, verunsichert und versöhnt.
An den Inhalt der meisten Geschichten kann ich mich jetzt, einen Monat später, schon gar nicht mehr so richtig erinnern, aber: Wow, was für ein toller Schreibstil! Jede Geschichte ist einem anderen, zu der Hauptperson passendem, Stil verfasst. Ich habe lange nichts mehr gelesen, was mich literarisch so beeindruckt hat und sich gleichzeitig so toll lesen lies. Note: 2+
3. Max Urlacher - Rückenwind (Knaur, 332 Seiten)
Ein Held, der von der Bühne fällt, ein Fußballer, der nicht mehr trifft, eine Kämpferin für ein Land, das es nicht gibt, ein leeres Grab und ein Hoden, der fliegt. Anton fühlt sich mit seinem besten Freund Tobias unverwundbar, mit Samar, seiner großen Liebe, einzigartig. Als ihn beide verlassen, ist er so verloren wie seit seiner Kindheit nicht mehr. Er tut alles, um sein altes Glück zurückzuerobern. In allen Winkeln der Welt sucht er nach sich und den für immer? verlorenen Freunden. Bis er sich auf der Großbildleinwand des Berliner Olympiastadions wiederfindet ... Eine Geschichte von Wünschen und Träumen, von Aufbruch und Hoffnung, von Freundschaft und der einen großen Liebe.
"Mal wieder was Leichtes, schön zum Weglesen" dachte ich mir beim Kauf. Merkwürdigerweise habe ich letztendlich fast zwei Wochen für das Buch gebraucht. "Rückenwind" enthält einige unglaublich tolle Szenen, interessante Figuren und schöne Gedanken, aber so richtig packen konnte es mich trotzdem nicht. Es gibt diese wunderbaren Szenen, aber der Rest wirkt wie darum herum konstruiert, so dass ich selten lange am Stück in dem Buch gelesen habe. Empfehlen würde ich es aber trotzdem, auch wenn das jetzt unglaubwürdig klingt. :) Note: 3
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