Ein sehr guter Lesemonat!
1. Klaus Mann - Mephisto (Rowohlt Taschenbuch, 414 Seiten )
Klaus Manns Mephisto, der den Zusatztitel Roman einer Karriere trägt, setzt sich in einzigartiger Weise mit der Position des Künstlers zur Zeit des deutschen Nationalsozialismus auseinander. Mit seinem Protagonisten Hendrik Höfgen führt Mann einen von übersteigertem Ehrgeiz getriebenen Schauspieler vor, der um seiner Karriere willen einen Pakt mit dem Bösen eingeht. Darüber hinaus entwirft der Autor ein Bild von der Situation der exilierten Intellektuellen. Mephisto ist als Künstler- und Zeitroman und nicht zuletzt auch als Schlüsselroman lesbar. Er wird als wichtiges Dokument der Exilliteratur gewertet.
5 Jahre lang stand dieses Buch ungelesen in meinem Bücherregal. Es ist eines dieser Bücher, die man sich kauft weil es zeitlos ist und "man das ja irgendwann mal lesen kann". Während meiner "richtigen" Buchhändlerzeit habe ich kaum Klassiker gelesen und auch jetzt sind es noch viel zu wenig. Aber da ich meinem SUB (Stapel ungelesener Bücher) ja den Kampf angesagt habe, war nun Mephisto endlich an der Reihe gelesen werden. Und es hat sich gelohnt! Ich habe ja eh eine kleine Schwäche für die Familie Mann und auch der Klausi hat mich nicht enttäuscht.
Note 2+
2. Haruki Murakami - Mister Aufziehvogel (btb Taschenbuch, 764 Seiten)
Der 30-jährige Toru Okada in "Mister Aufziehvogel" steigt aus einer Anwaltskanzlei aus und gerät bei der Suche nach seinem Kater mitten in Tokio in eine Traumwelt, in der ihn erotische Verlockungen, aber auch bösartige Intrigen erwarten. Der Brunnen, der Toru den Einstieg in die geheimnisvolle Unterwelt gewährt, ist Zugang zu Vergangenem und Verdrängtem.
Obwohl Murakami einer meiner Lieblingsautoren ist, stand sein dickstes Buch ziemlich lange ungelesen bei mir rum (Bestimmt hatte es sich mit Mephisto angefreudet um das gemeinsame Schicksal zu beweinen). Aber warum habe ich dieses Buch nicht schon früher gelesen? Es ist phantastisch und zwar im doppelten Sinne. Das Buch beginnt ganz normal, aber schon bald tauchen mysteriöse Personen auf und Toru passieren höchst merkwürdige Dinge. Dieses unwirklichen Ideen von Murakami muss man mögen und ich liebe sie.
Note 1
3. Katharina Hagena - Der Geschmack von Apfelkernen (Kiepenheuer & Witsch, 256 Seiten)
Als Bertha stirbt, erbt Iris das Haus. Nach vielen Jahren steht Iris wieder im alten Haus der Großmutter, wo sie als Kind in den Sommerferien mit ihrer Kusine Verkleiden spielte. Sie streift durch die Zimmer und den Garten, eine aus der Zeit gefallene Welt, in der rote Johannisbeeren über Nacht weiß und als konservierte Tränen eingekocht werden, in der ein Baum gleich zweimal blüht, Dörfer verschwinden und Frauen aus ihren Fingern Funken schütteln. Doch der Garten ist inzwischen verwildert. Nachdem Bertha vom Apfelbaum gefallen war, wurde sie erst zerstreut, dann vergesslich, und schließlich erkannte sie nichts mehr wieder, nicht einmal ihre drei Töchter. Iris bleibt eine Woche allein im Haus. Sie weiß nicht, ob sie es überhaupt behalten will. Sie schwimmt in einem schwarzen See, bekommt Besuch, küsst den Bruder einer früheren Freundin und streicht eine Wand an. Während sie von Zimmer zu Zimmer läuft, tastet sie sich durch ihre eigenen Erinnerungen und ihr eigenes Vergessen: Was tat ihr Großvater wirklich, bevor er in den Krieg ging? Welche Männer liebten Berthas Töchter? Wer aß seinen Apfel mitsamt den Kernen? Schließlich gelangt Iris zu jener Nacht, in der ihre Kusine Rosmarie den Unfall hatte: Was machte Rosmarie auf dem Dach des Wintergartens? Und wollte sie Iris noch etwas sagen? Iris ahnt, dass es verschiedene Spielarten des Vergessens gibt. Und das Erinnern ist nur eine davon.
Hm, ja. Eigentlich hat mir das Buch gut gefallen und einige Passagen waren richtig toll geschrieben. Nur die (zum Glück recht seltenen) Dialoge fand ich extrem schlecht und die Hauptperson hat mich mit ihrer Art genervt. Aus diesem Grund nur die Note 3.
4. Juli Zeh - Schilf (btb Taschenbuch, 380 Seiten)
Ein liebender Kommisar, ein tödliches Missverständnis und die abgründige Beschaffenheit der Welt. Sebastian kann mit seinem Leben mehr als zurfrieden sein. Er ist ein ungemein talentierter Physiker, und er hat eine wunderbare Familie. Doch plötzlich findet er sich in einem Alptraum wieder: Sein Sohn ist entführt worden und Sebastian bekommt ihn erst zurück, wenn er einen Mord begeht...
"Schilf" ist trotz des Mordes kein Krimi, aber das ist auch gut so. Juli Zeh entwickelt tolle Personen, eine fesselnde Geschichte und schreibt so wunderbar bildreich ("Die Scheinwerfer eines Autos reißen eine Handvoll Bäume an sich und schleudern sie gleich darauf zurück in die Dunkelheit."). Das mag ich. Lediglich die philosophischen und physikalischen Überlegungen haben mich kalt gelassen (Obwohl sie wichtig sind..), das sind beides nicht meine Welten.
Insgesamt habe ich das Buch aber ungaublich gerne gelesen und somit gibt es eine 2+.
5. Chuck Klosterman - Eine zu 85 % wahre Geschichte (S. Fischer, 268 Seiten)
Chuck ist in Diane verliebt, aber auch in Quincy und Lenore. Die Liebe ist das größte Problem in Chucks Leben. Zum Glück hat der Musikjournalist einen Auftrag - der allerdings scheint noch absurder als sein momentanes Lebensgefühl zu sein. Quer durch die USA fährt er nach Missoula, Ithaca und Rhode Island, an die Orte, an denen Rock-Heroen den Tod fanden. Vom Sumpf, in dem Lynyrd Skynyrds Flugzeug abstürzte bis zum Bungalow, wo sich Kurt Cobain mit einer Schrotflinte das Leben wegschoss. Rockstars sterben exzentrisch - und werden so unsterblich. Ein witzig makabrer Roadmovie durch das Herz der Musik, die an den Sehnsüchten unserer Seele kratzt. Schließlich kehrt Chuck in die Welt der Lebenden zurück. Was er vom Tod halten soll, weiß er immer noch nicht - nur dass er verliebt ist wie zu Beginn seiner Reise - in Diane, Quincy und Lenore.
Das Buch ist recht unterhaltsam geschrieben und die Gedanken über "Kid A" und den 11. September fand ich interessant (Auf sowas kommen nur Musiknerds, fantastisch!). Insgesamt ging es mir aber zu wenig um die toten Rockstars und zu viel um Chucks Liebesleben. Deswegen eine 3.
6. Cormac McCarthy - Die Straße (Rowohlt Taschenbuch, 252 Seiten)
Ein Mann und ein Kind schleppen sich durch ein verbranntes Amerika. Nichts bewegt sich in der zerstörten Landschaft, nur die Asche im Wind. Es ist eiskalt, der Schnee grau. Sie haben nur noch ihre Kleider am Leib, einen Einkaufswagen mit der nötigsten Habe und einen Revolver mit zwei Schuss Munition. Ihr Ziel ist die Küste, obwohl sie nicht wissen, was sie dort erwartet. Ihre Geschichte ist eine düstere Parabel auf das Leben, und sie erzählt von der herzzerreißenden Liebe eines Vaters zu seinem Sohn.
Was für ein Buch! Noch nie habe ich eine so deprimierende, traurige, graue, hoffnungslose Geschichte gelesen. Was genau mit der Welt passiert ist, erfährt der Leser nicht. Nur, dass der namenlose Vater und sein ebenso namenloser Sohn schon seit Jahren auf dem Weg sind. Immer wieder fragt man sich, was genau sie sich erhoffen und was sie am Leben erhält. Und immer wieder fragt man sich, wie man selbst gehandelt hätte und ob man sich nicht schon längst umgebracht hätte. Der Tod erscheint auf jeden Fall verlockender als dieses Leben, wenn man es denn überhaupt als eins bezeichnen möchte.
Es gibt Bücher, bei denen man sich schon nach ein paar Wochen kaum noch an den Inhalt erinnern kann. "Die Straße" gehört definitiv nicht dazu. Dieses Buch werde ich nie vergessen.
Note 1
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen