1. Kathrin Aehnlich - Alle sterben, auch die Löffelstöre (Arche, 249 Seiten)
Sie sind gemeinsam aufgewachsen: Paul mit seiner Sehnsucht nach einem Vater und Skarlet, die sich den ihren fortwünscht. Im Kindergarten und in der Schule schützen sie einander vor sinnlosen Geboten, und in der Euphorie des Herbstes 1989 sind beide drauf und dran, ihre freundschaftliche Nähe gegen eine andere einzutauschen. Doch Skarlet fährt nach Italien, Paul in die USA, sie wird Pressesprecherin im Zoo mit der berühmten Löffelstörzucht, er kauft ein Kino. Und während Skarlet sich vom Traum einer intakten Familie verabschiedet, wagt Paul zu heiraten. Nun, am vorletzten Tag des Jahres, hält sie einen Brief von Paul in Händen, in dem er sie bittet, seine Grabrede zu halten...
Schön, lustig, aber auch ganz schön traurig. Note 2
2. John Griesemer - Rausch (Marebuchverlag, 685 Seiten)
Wir schreiben das Jahr 1857, und die Welt windet sich in den Geburtswehen der Moderne: Das erste Telegraphenkabel zwischen Europa und Amerika soll durch den Atlantik verlegt werden, doch es reisst wieder und wieder. Das grösste Schiff aller Zeiten sollzu Wasser gebracht werden, doch es weigert sich, vom Stapel zu laufen. Der Ingenieur Chester Ludlow ringt darum, zwei Kontinente zu verbinden - als er der schönen Frau Lindt begegnet, muss er jedoch erfahren, dass es vor allem die mit einer entfesselten Liebe einhergehenden menschlichen Schwächen sind, die das Jahrhundertprojekt immer wieder an den Rand des Scheiterns bringen.
"Fortschritt" ist das große Thema dieses Romanes, der aus meiner Reihe "Stand seit Jahren ungelesen im Regal" stammt. Mir hat der dicke Schinken gut gefallen, es lies sich super lesen und war sogar spannend. Am interessantesten fand ich das Buch, wenn es sich um die Verlegung des Atlantikkabels drehte. Die übersinnlichen Fähigkeiten von Franny Ludlow hätten meinetwegen nicht sein müssen, haben aber auch nicht großartig gestört. Als absolute Geschichtsnulpe war mir die ganze Zeit übrigens nicht klar, dass sich die Verlegung des Atlantikkabels tatsächlich so (oder so ähnlich) zugetragen hat und auch dass es das riesige Schiff "Great Eastern" wirklich gegeben hat. Schande! Nina: Note 6, Buch: Note 2
3. Louise Erdrich - Der Club der singenden Metzger (Suhrkamp Taschenbuch, 503 Seiten)
Als der junge Metzgermeister Fidelis Waldvogel aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrt, heiratet er Eva, die schwangere Verlobte seines gefallenen Freundes. Armut läßt ihn und seine junge Familie Anfang der zwanziger Jahre nach Amerika auswandern – im Gepäck einen Koffer voller Würste und die Messer seines Vaters. Das Handwerk seiner Familie macht ihn zu einem gefragten Mann, und Eva sorgt mit Geschick und Energie dafür, daß die Metzgerei Waldvogel ihrer immer größer werdenden Familie ein sicheres Auskommen schafft. Unterstützt wird sie von Delphine Watzka, einer jungen Artistin, die ihrem Vater Roy zuliebe nach Argus zurückgekehrt ist. Aus den verwandten Seelen Delphine und Eva werden schnell Freundinnen – bis Eva eines Tages schwer erkrankt. Aufbruch und Heimkehr, Liebe und Hingabe, Trauer und Schmerz: Louise Erdrich entwirft das vielschichtige Panorama einer Generation deutscher Auswanderer – und schafft zugleich eine Hommage an das Leben selbst.
Vor ungefähr einem Jahr habe ich "Die Rübenkönigin" von Louise Erdrich gelesen und für "ganz gut" befunden. Mit dem "Club der singenden Metzger" ging es mir jetzt genauso. Die Figuren sind interessant, die Geschichte toll und ich habe das Buch wirklich gerne gelesen. So richtig begeistern konnte mich Frau Erdrich aber wieder nicht. Note 3+
4. Wilhelm Genazino - Das Glück ins glücksfernen Zeiten (Hanser , 157 Seiten)
Der Arbeitsmarkt kennt keine Gnade, erst recht nicht für Philosophen. Daher tritt Dr. phil. Gerhard Warlich eine Stelle als Wäscheausfahrer an und richtet sich ein in dieser nicht allzu aufregenden, aber sicheren Existenz. Doch als seine Freundin Traudel sich ein Kind wünscht, bringt das Warlich, der eigentlich nur "halbtags leben" möchte, vollkommen aus dem Gleis.
Genazino ist einer meiner Lieblingsautoren. Ich mag seine Sicht auf die Welt und die kleinen Alltagsbeobachtungen, die in allen seinen Romanen vorkommen. Seine Figuren sind stets Antihelden, die sich im Alltag und im Leben zurechtfinden müssen. "Das Glück in glücksfernen Zeiten" hat mir allerdings nicht ganz so gut gefallen wie seine vorherigen Bücher, da ich das Ende (und eigentlich auch die ganze Grunstimmung des Buches) recht traurig fand. Note: 2-
5. Sarah Kuttner - Mängelexemplar (S. Fischer, 261 Seiten)
Karo lebt schnell und flexibel. Sie ist das Musterexemplar unserer Zeit: intelligent, liebenswert und aggressiv, überdreht und traurig. Als sie ihren Job verliert, ein paar falsche Freunde aussortiert und mutig ihre feige Beziehung beendet, verliert sie auf einmal den Boden unter den Füßen. Plötzlich ist die Angst da.
Auch wenn Sarah Kuttner nicht müde wurde, in Interviews zu betonen, dass ihr erster Roman nicht autobiographisch sei, wird man diesen Eindruck einfach nicht los. Karo ähnelt in ihrer Art und ihrem Humor einfach zu sehr der Autorin. Dass die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt wird, lässt den Leser noch mehr daran zweifeln.
Ich mag Sarah Kuttner sehr sehr gerne und habe "Mängelexemplar" gerne gelesen. Recht kurze Sätze und der großartige Humor haben dafür gesorgt, dass ich das Buch in wenigen Tagen durch hatte. Wer aber Ausdrücke wie die "schwere Pferdecke Traurigkeit" verwendet, weiß ziemlich sicher, wie sich eine Depression anfühlt. Nicht gut. Buch gut! Note 2
6. Anna Katharina Hahn - Kürzere Tage (Suhrkamp, 223 Seiten)
Marco wohnt im Hochhaus an der Hauptstraße. Von hier ist es nicht weit bis zum Olgaeck, und hinter dem Olgaeck liegt die Constantinstraße, wo die Altbauten unter Denkmalschutz stehen und die Äpfel beim türkischen Feinkosthändler teurer sind als im Hauptbahnhof. Hier wohnen die Aufsteiger, Übermütter und ihre wohlerzogenen Kinder. Hier scheint alles in Ordnung - wenn man nicht vom Supermarkt ins Büro und vom Büro in den Kindergarten hetzt, so wie Leonie, wenn man nicht am Doppelleben als Karrierefrau und Mutter verzweifelt. Judith findet Halt in der Anthroposophie. Hingebungsvoll pflegt sie den Jahreszeitentisch für ihre Kleinen. Doch nachts helfen nur Tabletten gegen die Angst. Im Nebenhaus wohnen die alten Posselts. Sie haben geschafft, wovon die Enkelgeneration nur träumt, nämlich ein Leben lang zusammenzubleiben. Da versetzt Marco die Nachbarschaft in Aufruhr. Kürzere Tage ist eine wortmächtige Bestandsaufnahme und eine melancholische Abrechnung mit einer Gesellschaft, in der alle Werte fragwürdig geworden sind.
Auf dieses Buch bin ich durch die Longlist des Deutschen Buchpreises aufmerksam geworden. Und die Nominierung und guten Rezensionen haben wirklich nicht zu viel versprochen. Auch wenn das Buch in Stuttgart spielt, würde es in jeder anderen Großstadt funktionieren. Die Übermütter, "besseren" Wohngegenden, perspektivlosen Hochhäuser und Väter, die so lange arbeiten, dass sie ihre Kinder nur schlafend sehen, gibt es schließlich überall. Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Note 1
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