1. David Nicholls - One day (Hodder & Stoughton, 435 Seiten)
'I can imagine you at forty,' she said, with malice in her voice. 'I can picture it right now.' He smiled without opening his eyes. 'Go on then.' 15th July 1988. Emma and Dexter meet for the first time on the night of their graduation. Tomorrow they must go their separate ways. So where will they be on this one day next year? And the year after that? And every year that follows? Twenty years, two people, ONE DAY.
Was für ein fantastisches Buch! Der letzte Roman, der mich so sehr begeistern konnte, war mein 2008er Lieblingsbuch "The Book Thief" und somit ist mal völlig klar, dass "One day" ein ganz heißer Anwärter auf den Platz 1 in diesem Jahr ist. Emma und Dexter sind wunderbare Charaktere, die nicht nur liebenswert sind, sondern auch so einige Schwächen haben, aber einem wahnsinnig ans Herz wachsen. Die Idee, jedes Jahr den 15. Juli und Emmas und Dexters Leben an diesem Tag zu erzählen, ist unfassbar gut! Das Buch entwickelt einen starken Sog, weil man nach jedem Kapital sofort weiterlesen will, um zu erfahren was ein Jahr später los ist: "Ob Emma immer noch diesen furchtbaren Job hat und nicht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll?" "Was machen Dexters Fernsehkarriere und seine Süchte?" Es gibt Jahre, in den die beiden viel Kontakt haben und sich sehr nahe stehen und Jahre mit völliger Funkstille, was jedem, der lange bestehene Freundschaften hat, bekannt vorkommen dürfte. Also, wem es noch nicht aufgefallen ist: Ich liebe liebe liebe dieses Buch! Allein das dritte Kapitel gehört zu dem Besten, was ich je gelesen habe. Note: 1, was sonst?
2. Stewart O'Nan - Alle, alle lieben dich (Rowohlt, 410 Seiten)
Es ist ihr letzter Sommer vor dem College, der beste Sommer seit der achten Klasse. Kim badet im Fluss, steigt in ihren alten Chevy und macht sich auf den Weg zum Schnellrestaurant, wo sie arbeitet. Dann verliert sich ihre Spur. Familie, Freunde, Polizei - plötzlich sind alle betroffen. Kims Verschwinden rührt an den Grundfesten der mittelständischen Ordnung. Aus Menschen, die sie kannten, werden solche, die sie bloß zu kennen glaubten. Sie werden sich selbst und einander verdächtig. Und halten nach Kräften an dem fest, was ihnen zu entgleiten droht: Kim oder die Erinnerung an sie, die kleinstädtische Ruhe - und die eigenen Geheimnisse. Mit feinem Gespür für die abgründigen Schattierungen des Alltäglichen zeichnet Stewart O'Nan das Psychogramm einer Kleinstadt im Ausnahmezustand. Ein hochliterarischer Thriller - unaufdringlich anrührend und von nachgerade beklemmender Präzision.
Wenn dieses Buch eins nicht ist, dann ein Thriller, auch kein "hochliterarischer"! Das Buch ist nicht spannend und Kims Verschwinden wird nicht in dem Maße aufgeklärt, wie man es von einemm Thriller erwarten würde. (Gut so, denn Thriller sind ja nicht so meins.)Durch die wechselnden Erzählperspektiven gewinnt man Einblicke in die verschiedenen Personen, die Kim nahe standen. Geheimnisse werden angedeutet, Vermutungen angestellt.
Die ersten 30 Seiten beschreiben Kim an ihrem letzten Tag, danach geht es mit der Suche los, die einfach unglaublich amerikanisch ist. Da werden homepages eingerichtet, Suchtrupps organisiert, Fernsehinterviews gegeben, Sponsoren gesucht, Gedenkmärsche abgehalten, Armbänder verkauft und Luftballons steigen gelassen. Nach 100 Seiten hatte ich davon echt genug, aber zum Glück geht es danach ruhiger weiter. Der Leser erfährt, wie Kims Familie und Freunde sich verändern und immer zwischen der Hoffnung, dass Kim zurück kommt und Angst vor der Gewissheit, dass sie einem schrecklichen Vebrechen zum Opfer gefallen ist, leben müssen. Note: 2-3
3. Joey Goebel - Heartland (Diogenes, 713 Seiten)
Eigentlich kommt Joey Goebel mit seinem mehr als 700 Seiten starken Roman um einige Wochen zu spät: Inzwischen ist Obama US-Präsident und weltgrößter Popstar. Aber verändert sich dadurch auch etwas in den Köpfen vieler Provinzler im Landesinneren des nordamerikanischen Kontinents? Held in "Heartland" ist Blue Gene Mapother, Sohn und schwarzes Schaf der mächtigsten und reichsten Familie in der Kleinstadt Bashford. Während sein älterer Bruder John für den amerikanischen Kongress kandidiert, verschreibt sich Blue Jean lieber den Freuden und Leiden der Arbeiterklasse: Wrestling, Job im Wal-Mart, Flohmarktstände und eine nicht ganz unkomplizierte Schwärmerei für die Punksängerin Jackie Stepchild. Als Blue Gene widerwillig zusagt, den Bruder bei dessen Wahlkampf zu unterstützen und Stimmen im einfachen Volk zu sammeln, kommen plötzlich alte Familiengeheimnisse an die Oberfläche, die nicht nur innerhalb des Mapother-Clans für große Aufregung sorgen.
"Vincent" von Joey Goebel habe ich während meiner Ausbildungszeit gelesen und fand es großartig. "Freaks" war nicht ganz so stark und bei "Heartland" war ich erstmal skeptisch. Möchte ich wirklich einen 700-Seiten Roman lesen, der sich größtenteils um den -mir sehr suspekten- amerikanischen Wahlkampf dreht? Meine Zweifel waren schnell beseitigt, denn mit Eugene "Blue Gene" Mapother hat Joey Goebel einen fantastischen Antihelden erschaffen, den man einfach nur mögen muss. Die Geschichte fand ich auch klasse, auch wenn ich die ständigen Vergleiche mit John Irving nicht so ganz nachvollziehen kann. Okay, es gibt schon einige Passagen oder Ideen, die an Irving erinnern, aber an den Großmeister kommt Joey Goebel nicht ran. Noch nicht?
Note: 2
4. Stephan Thome - Grenzgang (Suhrkamp, 453 Seiten)
Alle sieben Jahre steht Bergenstadt kopf: Man feiert Grenzgang, das traditionelle dreitägige Volksfest, und dabei werden nicht nur die Gemeindegrenzen abgeschritten. Auch abends im Festzelt wird ausprobiert, wie weit man gehen kann. Alle sind dabei, nur zwei stehen am Rand: Thomas Weidmann und Kerstin Werner. Er ist nach gescheiterter Uni-Karriere als Lehrer ans Gymnasium Bergenstadt zurückgekehrt. Sie versorgt nach gescheiterter Ehe ihre demenzkranke Mutter und hat Ärger mit ihrem pubertierenden Sohn. Vor sieben Jahren beim letzten Grenzgang sind sich die beiden schon einmal begegnet, und damals ist etwas passiert, woran sich die beiden auch noch bei diesem Fest nur mit gemischten Gefühlen erinnern.
Ein weiteres Buch von der Shortlist des Buchpreises 2009 und ein sehr interessantes Debüt. Die beiden Hauptpersonen Kerstin Werner und Thomas Weidmann hatten eigentlich etwas anderes mit ihrem Leben vor. Nun sind sie Mitte 40 und in dem Örtchen Bergenstadt gestrandet. Das Buch wird hauptsächlich rückblickend erzählt. Mal erlebt man Kerstin als junge Studentin, die ihren zukünftigen Mann kennenlernt, mal als frischverheiratete Frau und junge Mutter, später als Ehefrau, der klar wird, dass ihr Mann eine sehr viel jüngere Geliebte hat. Und immer spielt der Grenzgang, dieses Volksfest mit den recht merkwürdigen Bräuchen eine Rolle. Ich habe das Buch gerne gelesen, auch wenn ich mich manchmal zu jung fand, um mich in die Mittvierzigerin Kerstin hineinversetzen zu können. Eigentlich mag ich es nicht gerne, wenn Männer aus der Sicht von Frauen schreiben (und umgekehrt), aber Stephan Thome hat das gut hinbekommen.
Google hat mir übrigens verraten, dass es den Grenzgang wirklich gibt. Alle sieben Jahre wird er in Biedenkopf gefeiert. Na dann, viel Spaß!
Note: 2
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