1. John Banville - Die See (Kiepenheuer&Witsch, 217 Seiten)
Es ist Herbst an der Irischen See. Hierher an die Küste hat sich Max Morden zurückgezogen, um den Tod seiner geliebten Frau Anna zu verarbeiten. Als Kind hat er oft seine Ferien in dieser Gegend verbracht, und so beschwört er neben Erinnerungen an Anna auch jenen längst vergangenen Sommer wieder herauf, in dem er die unkonventionelle Familie Grace mit ihrem Zwillingspaar Myles und Chloe kennen gelernt hatte. Es waren verzauberte Tage erster erotischer Sehnsüchte und aufkeimender Liebe, die jedoch ein so jähes wie tragisches Ende fanden.
Mit Büchern von Booker Prize Gewinnern scheine ich nicht so richtig warm zu werden. Während mir "Das Familientreffen" von Anne Enright mir ja gar nicht gefallen hatte, fand ich "Die See" eigentlich ganz gut. Nur weiß ich jetzt schon, dass es ein Buch ist, das mir nicht lange im Gedächtnis bleiben wird. Interessant fand ich, dass Mrs Grace, in die Max sich als Kind verliebt und die eine große Anziehungskraft auf ihn ausübt, mit recht hässlichen Worten beschrieben wird ("Ein Wesen mit so vielen fleischigen Wülsten und Mulden"..."adipösem Gewebe"). Nervig fand ich die vielen Fremdworte, die ich aus Faulheit natürlich nicht gegoogelt habe. Insgesamt ein Buch, das man nicht unbedingt gelesen haben muss. Note: 3
2. Adam Davies - Goodbye, Lemon (Diogenes, 345 Seiten)
Hätte Jack Tennants Familie einen Schlachtruf, es wäre gemeinsames jahrelanges Schweigen ... über ein tragisches Familiengeheimnis. Aber jetzt droht Jacks neue Liebe Hahva, ihn zu verlassen, wenn er sie nicht einweiht. Und sein verhasster, seit einem Schlaganfall stummer und gelähmter Vater droht das Geheimnis mit ins Grab zu nehmen; er ist der Einzige, der weiß, was damals wirklich geschehen ist. Jack muss handeln - und zwar schnell.
Und noch ein Buch, bei dem ich nicht sicher bin, was ich davon halten soll. Die Geschichte ist auf jeden Fall gut, auch gut erzählt. Mich hat nur etwas genervt, dass Jack sich vom recht sympatischen Typ zum besoffenen Arschloch entwickelte. Das Ende hat mich dann aber wieder versöhnt. Trotzdem nur die Note 3.
3. Carole Glickfeld - Herzweh (Suhrkamp Taschenbuch, 438 Seiten)
Auf einem Flachdach mitten im Häusermeer New Yorks, an einem klaren, kalten Novembertag in den fünfziger Jahren, übt sich eine Frau barfuß und im kurzärmligen Kleid in heftigem Seilspringen. Chenia ist 45, Mutter zweier Teenager und immer knapp mit dem Haushaltsgeld; und nur in einem stimmt sie mit ihrem charmanten, aber nichtsnutzigen Ehemann – der sie schon lange nicht mehr an Burt Lancaster erinnert – überein: auf keinen Fall ein drittes Kind! Doch alle Versuche, eine Fehlgeburt herbeizuführen, schlagen fehl, und schließlich kommt Devorah als jüngstes Mitglied dieser russisch-jüdischen Emigrantenfamilie zur Welt und löst eine wahre Flut von Gefühlen in ihrer Mutter aus. Denn warum, fragt sich Chenia auf einmal, soll sie kein Anrecht auf Glück haben? Und warum soll sie nicht mit Harry, dem netten Schuhverkäufer, auf der Uferpromenade von Coney Island spazierengehen? Aber aus der Alten Welt hat Chenia nicht nur ihre jiddische Sprache, sondern auch einen tiefverwurzelten Aberglauben herübergerettet, und der macht es ihr nicht leicht, sich über die gesellschaftlichen Konventionen und ihre eigenen Ängste hinwegzusetzen.
Endlich! Ich dachte schon, ich würde mich diesen Monat mit mittelmäßigen Büchern zufrieden geben müssen. Am Anfang kam ich in "Herzweh" nicht so richtig rein, habe aber zum Glück durchgehalten. Chenia ist eine großartige Hauptperson. Nicht besonders gebildet, furchtbar abergläubisch und dadurch irgendwie extrem sympatisch. Als Leser möchte man einfach, dass sie glücklich wird, hat sie es mit ihrem treulosen Ehemann und den drei Kinden doch nicht einfach. Weitere Pluspunkte bekommt das Buch für zwei große Vorlieben von mir: die tolle Erzählperspektive (aus der Sicht der jüngsten Tochter Devorah, auch als diese noch gar nicht geboren ist) und New York. Ich liebe Bücher, die in dieser Stadt spielen. Note: 2+
4. Delphine de Vigan - No & ich (Droemer, 250 Seiten)
Lou ist hochbegabt und eine Einzelgängerin. Am liebsten beobachtet sie die Menschen um sich herum und stellt dabei gewagte Theorien auf, um das zu verstehen, was tagtäglich mit uns geschieht. Bis sie auf die achtzehnjährige No trifft, die mitten in Paris auf der Straße lebt. No mit den dreckigen Klamotten und dem müden Gesicht. No, die jeden Tag um ein Essen und einen Schlafplatz kämpfenmuss. No, deren Einsamkeit die Welt in Frage stellt. Und Lou stürzt sich in ihr neues Projekt: Sie will No retten - und sich und der Welt beweisen, dass sich alles ändern lässt ...
Mein Monatshighlight! Eine tolle Geschichte, die wunderbar poetisch geschrieben ist. Allein die letzten Sätze am Ende der kurzen Kapitel sind so toll, dass man das Buch fast sofort nochmal lesen möchte. Eine unbedingte Empfehlung! Note: 1
5. Siegfried Lenz - Leute von Hamburg. Meine Straße (dtv, 72 Seiten)
Siegfried Lenz versteht es, die kleinen Schwächen und sympathischen Eigenarten der Leute von Hamburg treffend zu skizzieren. Da ist das langbeinige Mädchen, der hanseatische. Polizist, der sorgsam gekleidete Juniorpartner eines Speditionsunternehmens, der Senator. Da ist die schlichte Frau im Wettermantel, der einsilbige Hafenarbeiter, das ältere Ehepaar auf dem Weg ins Theater. Da sind auch die Nachbarn des Schriftstellers Siegfried Lenz in der stillen Vorstadtstraße, die er feinfühlig und mit leiser Ironie porträtiert.
Dieses kleine Buch bekam ich von einer lieben Kollegin zum Abschied in der alten Firma geschenkt. Siegfried Lenz beschreibt im ersten Teil verschieden Bewohner Hamburgs und im zweiten Teil die Bewohner seiner Nachbarschaft in Othmarschen ("Nein, in diese Gegend wollten wir nicht ziehen.") mit einem Augenzwinkern. Auch wenn der erste Text von 1968 ist und die beschrieben Typen in dieser Art nicht mehr existieren, sollte man das Buch ruhig mal gelesen haben wenn man in dieser schönen Stadt lebt. Note: 2
Abgebrochen: Audrey Niffenegger - Die Zwillinge von Highgate (S. Fischer, 462 Seiten)
Elspeth war Roberts große Liebe. Jetzt liegt sie auf Highgate, dem romantisch verwilderten Friedhof Londons. Doch Elspeth scheint lebendiger als je zuvor, denn die Erinnerungen sind stärker als der Tod. Robert riecht sie, spürt sie, spricht mit ihr. Es ist als lebe sie weiter und als sei ihr Tod nur ein böser Traum. Alle, die ihr nahestanden, geraten in ihren Bann. Bis ihre Nichten, die Zwillinge Valentina und Julia, eine fatale Wette mit ihr eingehen.
Hätte ich vor Jahren "Die Frau des Zeitreisenden" nicht so toll gefunden, hätte ich dieses Buch eh nie gelesen, war mir die Geschichte doch schon von Anfang an suspekt. Und zu Recht! Meine Güte, was für ein beknacktes Buch. Ich bin genau bis zur Seite 178 gekommen und habe dann genervt aufgegeben. Dass mich ein Buch so sehr nervt, dass ich es abbreche, ist wirklich noch nicht oft vorgekommen. Bis Seite 178 war noch nichts passiert, außer dass Elspeth gestorben und die Zwillinge nach London gekommen sind. Überhaupt, diese Zwillinge! Stolperte man beim Lesen über das Alter der Mädchen, wunderte man sich immer, verhielten sich die Gören nicht wie 20, sondern eher wie 12. Dann noch dieser Robert, der sich wochenlang vor den Mädchen versteckt, sie dann aber heimlich verfolgt. Warum, habe ich nicht kapiert.
Mich hat schließlich nicht mal mehr interessiert, was für eine "fatale Wette" die Gören mit der toten Tante eingehen und wenn ich mir die Rezensionen bei amazon anschaue, habe ich auch wohl nichts verpasst. Ein Buch, das die Welt nicht braucht.
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